IV. Nutzbarmachung der Exkremente der Produktion

Mit der kapitalistischen Produktionsweise erweitert sich die Benutzung der Exkremente der Produktion und Konsumtion. Unter erstem verstehn wir die Abfälle der Industrie und Agrikultur, unter letztem teils die Exkremente, die aus dem natürlichen Stoffwechsel des Menschen hervorgehn, teils die Form, worin die Verbrauchsgegenstände nach ihrem Verbrauch übrigbleiben.

Exkremente der Produktion sind also in der chemischen Industrie die Nebenprodukte, die bei kleiner Produktionsstufe verlorengehn; die Eisenspäne, die bei der Maschinenfabrikation abfallen und wieder als Rohstoff in die Eisenproduktion eingehn etc. Exkremente der Konsumtion sind die natürlichen Ausscheidungsstoffe der Menschen, Kleiderreste in Form von Lumpen usw. Die Exkremente der Konsumtion sind am wichtigsten für die Agrikultur. In Beziehung auf ihre Verwendung findet in der kapitalistischen Wirtschaft eine kolossale Verschwendung statt; in London z.B. weiß sie mit dem Dünger von 4 1/2 Millionen Menschen nichts Beßres anzufangen, als ihn mit ungeheuren Kosten zur Verpestung der Themse zu gebrauchen.

Die Verteuerung der Rohstoffe bildet natürlich denAntrieb zur Vernutzung der Abfälle.  Im ganzen sind die Bedingungen dieser Wiederbenutzung:

Massenhaftigkeit solcher Exkremente, die sich nur ergibt bei Arbeit auf großer Stufenleiter; Verbesserung der Maschinerie, womit Stoffe, die in ihrer
gegebnen Form früher unbrauchbar, in eine der Neuproduktion dienstbare Gestalt übergeführt werden; Fortschritt der Wissenschaft, speziell der Chemie, welche die nutzbaren Eigenschaften solcher Abfälle entdeckt.

Allerdings findet auch in der kleinen, gärtnermäßig betriebnen Agrikultur, wie etwa in der Lombardei, im südlichen China und in Japan, große Ökonomie dieser Art statt. Im ganzen aber ist in diesem System die Produktivität der Agrikultur erkauft durch große Verschwendung menschlicher Arbeitskraft, die andren Sphären der Produktion entzogen wird.

Die sog. Abfälle spielen eine bedeutende Rolle in fast jeder Industrie. So wird im Fabrikbericht Oktober 1863 als einer der Hauptgründe angegeben, weshalb sowohl in England wie in vielen Teilen von Irland die Pächter nur ungern und selten Flachs bauen:

»Der große Abfall… der bei der Bereitung des Flachses in den kleinen mit Wasserkraft getriebenen Hechelfabriken (scutch mills) stattfindet… Der Abfall bei Baumwolle ist verhältnismäßig gering, aber bei Flachs sehr groß. Gute Behandlung beimWasserrösten und mechanischen Hecheln kann diesen Nachteil bedeutend einschränken… In Irland wird Flachs oft auf höchst schmähliche Weise gehechelt, so daß 28-30% verlorengehn«,

was alles durch Anwendung von bessrer Maschinerie vermieden werden könnte. Das Werg fiel dabei so massenhaft ab, daß der Fabrikinspektor sagt:

»Von einigen der Hechelfabriken in Irland ist mir
mitgeteilt worden, daß die Hechler den dort gemach-
ten Abfall oft zu Hause auf ihren Herden als Brenn-
stoff verwandt haben, und doch ist er sehr wertvoll.«
(l.c. p. 140.)

Von Baumwollabfall wird weiter unten die Rede sein, wo wir von den Preisschwankungen des Rohstoffs handeln.  Die Wollenindustrie war gescheiter als die Flachsbereitung.

»Es war früher gewöhnlich, die Zubereitung von Wollenabfall und wollnen Lumpen zu wiederholter Bearbeitung in Verruf zu erklären, aber das Vorurteil hat sich vollständig gelegt mit Beziehung auf den shoddy trade (Kunstwollindustrie), die ein wichtiger Zweig des Wollendistrikts von Yorkshire geworden ist, und ohne Zweifel wird auch das Geschäft in Baumwollabfall bald denselben Platz einnehmen als ein Geschäftszweig, der einem anerkannten Bedürfnis abhilft. Vor 30 Jahren waren wollne Lumpen, d.h.Stücke von ganz wollnem Tuch etc.. im Durchschnitt etwa 4 Pfd. St. 4 sh. per Tonne wert; in den letzten paar Jahren sind sie 44 Pfd. St. per Tonne wert geworden. Und die Nachfrage ist so gestiegen, daß auch gemischte Gewebe aus Wolle und Baumwolle vernutzt werden, indem man Mittel gefunden hat, die Baumwolle zu zerstören, ohne der Wolle zu schaden; und jetzt sind Tausende von Arbeitern in der Fabrikation von Shoddy beschäftigt, und der Konsument hat großen Vorteil davon, indem er jetzt Tuch von guter Durchschnittsqualität zu einem sehr mäßigen Preis kaufen kann.« (Rep. Fact., Oct. 1863«, p. 107.)

Die so verjüngte Kunstwolle betrug schon Ende 1862 ein Drittel des ganzen Wollverbrauchs der englischen Industrie. (»Rep. Fact., Oct. 1862«, p. 81.)
Der »große Vorteil« für den »Konsumenten« besteht darin, daß seine Wollkleider nur ein Drittel der frühern Zeit brauchen, um zu verschleißen, und ein Sechstel, um fadenscheinig zu werden.

Die englische Seidenindustrie bewegte sich auf  derselben abschüssigen Bahn. Von 1839-1862 hatte der Verbrauch von wirklicher Rohseide sich etwas vermindert, dagegen der von Seidenabfällen verdoppelt. Mit verbesserter Maschinerie war man im Stand, aus diesem, anderswo ziemlich wertlosen Stoff eine zu vielen Zwecken verwendbare Seide zu fabrizieren.

Das schlagendste Beispiel von Verwendung vonAbfällen liefert die chemische Industrie. Sie verbraucht nicht nur ihre eignen Abfälle, indem sie neue Verwendung dafür findet, sondern auch diejenigen der verschiedenartigsten andern Industrien und verwandelt z.B. den früher fast nutzlosen Gasteer in Anilinfarben, Krappfarbstoff (Alizarin), und neuerdings auch in Medikamente.

Von dieser Ökonomie der Exkremente der Produktion, durch ihre Wiederbenutzung, ist zu unterscheiden die Ökonomie bei der Erzeugung von Abfall, also die Reduktion der Produktionsexkremente auf ihr Minimum, und die unmittelbare Vernutzung, bis zum Maximum, aller in die Produktion eingehenden Roh- und Hilfsstoffe.

Die Ersparung von Abfall ist zum Teil durch die Güte der angewandten Maschinerie bedingt, Öl, Seife etc. wird gespart im Verhältnis wie die Maschinenteile genauer gearbeitet und besser poliert sind. Dies bezieht sich auf die Hilfsstoffe. Z. T. aber, und dies ist das wichtigste, hängt es von der Güte der angewandten Maschinen und Werkzeuge ab, ob ein größrer oder geringrer Teil des Rohstoffs im Produktionsprozeß sich in Abfall verwandelt. Endlich hängt dies ab von der Güte des Rohstoffs selbst. Diese ist wieder bedingt teils durch die Entwicklung der extraktiven Industrie und Agrikultur, die ihn erzeugt (von dem Fortschritt der Kultur im eigentlichen Sinn), teils von der Ausbildung der Prozesse, die der Rohstoff vor seinem Eintritt in die Manufaktur durchmacht.

»Parmentier hat bewiesen, daß seit einer nicht sehr entfernten Epoche, z.B. der Zeit Ludwigs XIV., die Kunst, Korn zu mahlen, in Frankreich sehr bedeutend vervollkommnet worden ist, so daß die neuen Mühlen, gegenüber den alten, aus derselben Menge Korn bis zur Hälfte mehr Brot liefern können. Man hat in der Tat für die jährliche Konsumtion eines Einwohners von Paris anfangs 4 setiers Korn, dann , endlich gerechnet, während sie heutzutage nur noch 1 1/3 setier oder ungefähr 342 Pfund per Kopf ist… In der Perche, wo ich lange gewohnt habe, sind plump konstruierte Mühlen, die Mühlsteine von Granit und Trapp hatten, nach den Regeln der seit 30 Jahren so sehr fortgeschrittnen Mechanik umgebaut worden.

Man hat sie mit guten Mühlsteinen von La Ferté versehn, man hat das Korn zweimal ausgemahlen, man hat dem Mahlbeutel eine kreisförmige Bewegung gegeben, und das Produkt an Mehl hat sich für dieselbe Menge Korn um 1/6 vermehrt. Ich erkläre mir also leicht das enorme Mißverhältnis zwischen dem täglichen Kornverbrauch bei den Römern und bei uns; der ganze Grund liegt einfach in der Mangelhaftigkeit der Verfahrensweisen beim Mahlen und bei der Brotbereitung.  So muß ich auch eine merkwürdige Tatsache erklären, die Plinius XVIII., c.20, 2 anführt… Das Mehl wurde in Rom verkauft, je nach Qualität, zu 40, 48 oder 96 Ass der Modius. Diese Preise, so hoch im Verhältnis zu den gleichzeitigen Kornpreisen, erklären sich aus den damals noch in der Kindheit befindlichen, unvollkommnen Mühlen und den daraus folgenden beträchtlichen Mahlkosten.« (Dureau de la Malle. »Écon. Pol. des Romains«, Paris 1840, I, p.280, 281.)

Das Kapital III, MEW 25  S. 110-113: