Die Frage nach grünen Perspektiven mit Marx teilt sich in die allgemeine Frage nach gesellschaftlichen Zukunftsperspektiven in Zeiten schmelzender Polkappen, bedrohlichem Biodiversitätsverlust usw. und die nach der Etablierung globaler Produktionsbeziehungen, die ein ökologisch vernünftiges Miteinander erlauben. Welche Anregungen bieten hier die MEW?

Neben dem „Kapital-Blick“ auf die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft, der gesellschaftliche Zwänge, Bedürfnisse, Potenziale und Trends aus den inneren Widersprüchen der die Gesellschaft strukturierenden  Ökonomie abzulesen trachtet, lohnt auch ein Blick auf Marx/Engels anthropologische und geschichtsphilosophische Perspektiven, die als eine Art kommunistischer Humanismus gesehen werden können. Warum?

Das ist alles andere als selbstverständlich. Während sich die Auseinandersetzung mit der Marxschen Analysen des Kapitals im Anschluss an die mit der Lehmann-Insolvenz aufbrechende Finanzkrise einer zunächst für viele überraschenden aber – glücklicherweise – anhaltenden Beliebtheit erfreut, bleiben die Marx/Engelschen Versuche eines geschichtsphilosophischen Ausblicks relativ unbeachtet.

Der Marxsche Kommunismus scheint auch vielen Marx-Fans inzwischen eher peinlich, sein Humanismus gilt vielfach als „unmarxistische“ Jugendsünde, die mit dem gereiften „wissenschaftlichen“ Autor des Kapitals überholt seien. Marx würde darin in (noch) idealistischer Weise ein überhistorisches (und im Kapitalismus von seinem Wesen entfremdetes) „menschliches Wesen“ unterstellen.

Die Idee einer „weltkommunistischen“ Negation der Negation eines lokalen „Urkommunismus“ durch verschiedene historische Formen der Klassengesellschaft und der schließlichen „Wiederherstellung des individuellen im gemeinschaftlichen Eigentums“ werden auch von Marx-Bewunderer eherals fixe Idee gesehen die die wirkliche Geschichte in ein Hegel-Dialektik-Schema presst, nach der mittels Position, Negation und Negation der Negation der absolute Geist zu sich finden würde. Dies komme einer Heilserwartung gleich und trage den Keim des Totalitarismus in sich.

Das ist nicht ganz von der  Hand zu weisen. Jede politische Philosophie enthält totalitaristische Dispositive.  Die Geschichte des „Realen Sozialismus“  hat gezeigt, wie schnell aus einem Gutgemeint ein Schlechtgelaufen wird, und dass ein Höchstmaß an Sensibilität gegenüber vermeintliche „Gewissheiten“ gefragt ist, die sich auf wundersame Weise stets (selbst) zu bestätigenden scheinen und leicht zur Grundlage von Gläubigkeit werden wo Zweifel und ergebnisoffenes Forschen gefragt wären.

Das ist aber kein Grund, das gereinigte Kind mit dem Badewasser auszuschütten.  Der auf der ersten Sitzung bereit liegende – und am 7.2. in Auszügen gelesene – Engels-Text über „den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des  Affen“   dokumentiert den Versuch des alten Engels der Dialektik der Natur  eine evolutionswissenschaftliche Brücke zwischen Natur- und Sozialwissenschaft zu schlagen. Darin beschreibt Engels Menschwerdung als nicht abgeschlossene Befähigung zur zielbewussten  Herstellung eines gesellschaftlichen Nutzens. Auch Marx hatte sich zeitlebens mit der anthropologischen Forschung seiner Zeit auseinandergesetzt und war dabei  bemüht, daraus geschichtsphilosophischen Honig jenseits eines essentialistisch fixierten „Menschenbildes“  zu saugen.

Nach Engels schaffte die Arbeit, verstanden als zielgerichtete Herstellung von Lebens- und (zunehmend) Produktionsmitteln den Menschen. Er referiert – entsprechend des damaligen Wissenstandes – die Wechselwirkungen anatomischer Veränderungen, die Emanzipation der Vorderfüße und Erlangung von Handlungsfreiheit und die damit einher gehende Ausbildung des Gehirns als Mittel der Erkenntnis von Nahrhaften bzw. guter Früchte menschlicher Anstrengungen.

Das Bemerkenswerte: hinsichtlich der prinzipiellen Möglichkeit der Entwicklung menschengerechter Produktionsbeziehungen, die auf Basis (umwelt-)bewusster Übereinkomen funktionieren, ist Engels Blick zwar gewohnt optimistisch, aber er argumentiert alles andere als fortschrittsgläubig:

„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben“

Engels zählt Beispiel um Beispiel auf, wo gesellschaftliche Fortschritte am Ende in Umweltverwüstungen und sozialer Katastrophen endeten, reflektiert die großen Schwierigkeiten und Rückschläge bei Versuchen, auch entferntere Wirkungen gesellschaftlichen Handelns zu bedenken und in den Griff zu bekommen.

Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. (…)

Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten, die entferntern natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in Bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen. (…)

Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählich, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und zu regeln.

Allerdings, erinnert uns Marx:

„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.

(MEW, 23,530)

Weshalb Engels die Notwendigkeit zur folgenden „Dialektik der Aufklärung“ sieht:

 Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung.

Wobei vom Charakter dieser neuen Ordnung erst einmal nicht mehr gesagt ist, als dass sie in die Lage versetzen soll, auch die entfernteren Wirkungungen des menschlichen Tuns zu bedenken. (Die hier gestellte Aufgabe ist also die nach der Möglichkeit einer nachhaltiogen Entwicklung)

Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt – soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder ausgetauschten Artikels handelt – tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige Triebfeder

Um welche Fragen drehten sich die anschießenden Diskussionen?

  • Den Zwängen bzw. Motivationslagen der Unternehmen, die nur die allernächsten Wirkungen ihrer Zufriedenheit mit dem eigenen Profitchen ins Auge fassen können, stehen staatliche Gesetze, Verordnungen und Maßnahmen, zwischenstaatliche Übereinkommen, eine öffentliche Debatte u.a. entgegen, die die Unternehmen gesellschaftliche Vernunft aufnötigen können. Schon Marx hatte im Kapital beschrieben, wie staatliches Eingreifen zur Durchsetzung von Arbeitsschutzgesetzen, Unternehmen, die ökonomisch zuerst in der Lage waren, sie umzusetzen, bewegten, sich mit dem Staat gegen den unlauteren Wettbewerb der Nachzügler zu verbünden. Dieser Effekt trete, so ein Teilnehmer, heute beispielsweise in der Klimapapolotik wo nach dem Atomausstieg der „Energieriese“ dervon den großen Vier  die wenigsten Kohle-und Braunkohlekraftwerke hat, die Klimaschutzpolitik für sich entdeckt habe.

Ich meine: Die Möglichkeiten des staatlichen Gegensteuerns werden allerdings durch die realen Abhängigkeitsverhältnissen stark ausgebremst. Staatliche Handlungsoptionen sind in vielfacher Hinsicht vom unternehmerischen Erfolg (Steuergelder) und der existenziellen Abhängigkeit von Arbeitsplätzen abhängig (die neben Lohnsteuern und Sozialabhaben auch Wählerstimmen bedeuten)

  • Kann es einen grünen Kapitalismus geben? Einige bejahren dies. Zum einen nötige die dem Kapitalismus eigene Konkurrenz immer noch zu technologischen Inovationen, die riesige Einsparpotenziale hinsichtlich vom Energie- und Materialaufwand eröffnen (etwa in der Nano-Technologie) Zum Anderen seien staatliche Kriseninterventionen denkbar, die die heutige Vorstellungskraft übersteige. Andere äußerten sich grundsätzlich skeptisch.

Ich meine:  Es ist auf kapitalistischer Basis mehr ökologische Vernunft möglich. Aber es wird nicht reichen. Es ist derzeit allerdings nichts anderes möglch, als den Trend zum Ökokapitalismus zu forcieren und Gegentrends entgegen zu wirken – ohne allerdings die ganze unangenehme Wahrheit aus den Augen zu verliehren, und  ohne darauf zu verzichten, zielstrebig „auf eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung“ hinzuarbeiten. Dies kann auch nur auf Grundlage von entschieden mehr Ökokapitalismus gelingen, in dessen Rahmen überhaupt erst eine hinreichend breite (welt-)gesellschaftliche Debatte darüber stattfinden kann, was an Produktion noch wachsen und  was lieber schrumpfen sollte. Und was zu tum wäre, die Abhängigkeiten aus der Welt zu schaffen,  die verhindern, dass das ökologisch Vernünftige getan oder auch nurgedacht oder gewolltwerden können („Die Menschheit, schrieb Marx, „stellt sich immer nur Aufgaben, die sie lösen kann“)

  • Es kam die Frage auf, ob ein ökologisch vernünftiges Miteinander auf globaler Ebene möglich oder überhaupt wünschenswert sei. Auch Marx habe sich gegen Utopismus gewandt, weil dessen Bilder aus der Vergangenheit genommen werden müssten, hätte sich in seinem Riesenwerk auch nur an wenigen Stellen und zwar sehr wage über „Sozialismus“ geäußert.  Ein anderer Einwand bezog sich auf die Konstruktion eines an Marx /Engels Perspektiven anknüpfenden „kommunistischen Humanismus“.  So etwas würde am Ende doch Dogmen setzen, die  einer pragmatischen Problemlösung eher im Weg stünden. Besser sei es, einfach nach den besten Lösungen für ein diagnostiziertes Problem zu suchen…

Meine Meinung dazu: Vielleicht weist letzteter Vorschlag tatsächlich den besseren Weg. Er muss auf alle Fälle gegangen werden. Ich finde es auch legitim, wenn man sich  die ganze leidige Sozialismus-Debatte vom Hals schaffen möchte. Vielleicht muss aber auch beides parallel geschehen.

Am 21.2. möchte ich die Debatte gern auf der Basis von Textauszügen aus den folgenden ME-Texten weiterführen.

  1. Marx über Bedingungen der Aufhebung von Entfremdung
  2. Marx / Engels über das Verhältnis von Produktivkraftentwicklung und -organisation

  3. Marx/Engels über Bewusstsein und Sein

  4. Marx über den Fetischcharakterder Arbeit

Wähend der dritten Sitzung am 7.3. soll es dann mehr um ökonomische Mechanismen gehen, um dem Geheimnis eines ökologisch blinden „Wachstumswahns“ auf die Spur zukommen.

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