Der Öko-Marx-Kurs soll zum Teil auch an den im letzten Halbjahr von Wolf Wagner geleiteten Kurs beim Bildungswerk der Böllstiftung „Was bleibt von Marx?“ anknüpfen. Dort hatte es u.a. geheißen, dass auf alle Fälle Marx Kritik der „Entfremdung“ bliebe und also die historische Aufgabe, für deren Aufhebung in ein (umwelt-)bewusstes Zusammenwirken zu sorgen. Es hatte sich damals eine Diskussion über einige der Marxschen Erläuterungen zu dem Komplex ergeben, (bei der z.B. die fehlende Berücksichtigung häuslicher Arbeiten bei der Utopie verschiedener, nach Tageslaune fröhlich zu erledigender Tätigkeiten bemerkt worden war). Ich hatte daraufhin eine Rundmail verfasst, die ich hier in leicht korrigierter Fassung wiedergebe. (Wer übrigens mitblogen möchte, melde sich am Besten über die Kommentarsfunktion)

Noch eine Anmerkung zur historischen Problemstellung „Entfremdung und deren Aufhebung“

Die in Marx/Engels Kritik der Deutschen Ideologie zu lesende Kommunismusvorstellung  einer nach Tageslaune beliebigen Tätigkeit als Fischer, Ackerbauer oder Philosoph ist ja eine Momentaufnahme im Werden des jungen Marx. Könnte er das heute lesen, dürfte es ihn wohl ärgern, dass ausgerechnet diese Stelle von der „nagenden Kritik der Mäuse“ verschont geblieben war.

Nicht nur wegen der „vergessenen“ Hausarbeit sondern weil das Gesagte eine unfreiwillige Bestätigung seiner eigenen Skepsis gegenüber jedweden Utopismus zu sein scheint, nach der dieser genötigt sei, sich seine Projektionen aus der Vergangenheit zu leihen. Was anderseits aber auch nicht zu wohlfeiler Verachtung der damaligen Beschränktheit verleiten sollte.  Immerhin zeigt die Stelle das Aufkeimen des durchaus modernen Gedankens an eine Aufhebung voneinander isolierter Tätigkeiten an und dass der historische Verlust einer lebenslangen Kettung an besondere fertigkeiten und Tätigkeiten auch Emanzipation von bornierten Verhältnissen bedeuten kann.

Je mehr die verschiedenartigen Tätigkeiten als bloße Arbeit gelten, desto überwindbarer scheinen knechtende Formen der Arbeitsteilung  mitsamt des „feindlichen Gegensatzes“ von geistiger und körperlicher Arbeit.  Was bedeutet es, wenn  aus heutiger Sicht jede/r im Prinzip auf einem Fischtrawler anheuren KÖNNTE?

Dass deren immens gesteigerte Produktivität es nun möglich macht, dass Fischertöchter heute Philosophie studieren können? Und ob die bemerkenswerte Gleichgültigkeit derer, die heute Fisch zubereiten oder konsumiere  gegenüber der Tatsache einer gefährlichen Überfischung der Weltmeere nicht die Frage nach Verhältnissen aufwirft, die Fischereiarbeiter/innen  und diejenigen die den Fisch genießen oder zubereiten dazu bringen, GEMEINSAM über die Notwendigkeit ökologisch vernünftiger Regeln des Fischfangs zu philosophieren. (Über die Schwierigkeit des Aufkommens eines vernünftigen (Un-)Rechtsbewusstseins in der Frage, und was das mit dem von Marx beschriebenen  Fetischcharakter der Ware zu schaffen hat, siehe auch: Sind wir des Warensinns?)

Ein Seminarteilnehmer hatte es erwähnt, und ich sehe das auch so. Bei der Marx-Lektüre gilt es, sich davor zu hüten, die erlesenen Schrift-Schätze als Dogmen misszuverstehen, und darin für alle Zeiten und Umstände gültige Wahrheiten erkennen zu wollen.  Marx selbst war zeitlebens ein Suchender und bemüht, neu entdeckte Umstände und Aspekte zu berücksichtigen, betonte in einem Moment die Entwicklungspotenziale der kapitalistischen Ära (die zivilisatorischen, die Ausbildung allseitiger Persönlichkeiten usw.) und ein anderes Mal andere, gegenläufige. Und manchmal ging mit dem gestrengen Analytiker dessen agitatorisches Gemüt durch wie etwa bei seinen Anklängen einer „Verelendungstheorie“, die, würde sie als Dogma gesehen, natürlich als grandioser Fehlschluss entlarvt wäre.

Aber selbst hier sollte nicht das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet werden.  Man mag es kaum glauben, aber Marx und Engels waren tatsächlich Kommunisten und suchten nach materiellen Grundlagen einer entsprechenden Perspektive jenseits eines vom Wunschdenken diktierten Idealismus bzw. Moralismus. (Von der Utopie zur Wissenschaft)

Auch dies kann natürlich (und wird auch immer wieder nicht ohne Grund) als von einer fixen Idee getrieben interpretiert werden. Und wenn dann gezielt nach Zeichen entsprechend selektiver Wahrnehmung (auch als Grundlage totalitärer Perspektiven) dürfte man auch fündigwerden. Das ist gut so und schützt vor voreiligen „Gewissheiten“ bzw. vor dem Festhalten an offensichtliche Irrtümer.

Dass auch die kapitalistische Ära einmal an ihre historischen Grenzen kommen könnte, kann aber auch in einem positivistischen Verständnis immerhin als eine (sehr) starke Ausgangsthese gesehen werden. Nach Marx tritt „in der Entwicklung der Produktivkräfte eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie, Geld). ( MEW Bd. 3,  S. 69)

Und: 

„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ (MEW Bd. 13, S. 9)

Gemünzt auf die mögliche Bedeutung von Armut und soziale Ohnmacht als mögliche (und sicher auch nicht einzige) Triebkraft für die Etablierung weltgemeinschaftlicher Formen der Entwicklung und Anwendung menschlicher (bzw. menschlich genutzter) Produktions- und Aneignungsmittel hieße das, dass nicht nur hinreichend viele Menschen (weltweit) die Notwendigkeit einer  „anderen Welt“ sehen sondern auch die Möglichkeit einer Welt ohne Armut und soziale  Ohnmacht vor Augen haben – können.

In einer emanzipationsproduktiven Weise skandalisiert werden kann“Elend“ offenbar erst, wenn die technologischen und geistigen Möglichkeiten der Aufhebung sozialer Ohnmacht /Armut  IM PRINZIP vorhanden sind oder leicht entwickelt werden könnten, aber unter den gegebenen Verhältnissen, d.h. den gegenwärtigen Formen der Teilung von Arbeit, Genuss, Verantwortung usw.  nicht bereitgestellt werden können.  Die Irrationalität des Warensinns auf der flachen Hand liegt.

Eines der Probleme kapitalistischer (Re-)Produktion ist allerdings, dass die privateigentümlichen (nationalstaatlich gesicherten) Existenz- und Bereichrungsbedingungen  eine hinreichende Wahrnehmung gesamtgesellschaftliche Rationalität (mitsamt ihrer ökologischen Implikationen) nicht zulassen,  dass also „Entfremdung“ Element eines sich selbst reproduzierenden Irrsinns ist, (des Warensinns) und die selbst in der Empörung und in den menschlichen Idealen wirksam ist.

Um systematischen Mangel an sozialen Möglichkeiten zur Wahrnehmung gemeinsamer Verantwortung als dringend zu lösendens Problem zu erkennen, bedarf es zwar keines idealisierten Menschenbildes von ursprünglich unentfremdet miteinander lebenden Menschen.  Das spezifisch Menschliche in der Möglichkeit zu erkennen, einen gesellschaftlichen Nutzen gezielt herstellen (sowie Schäden und Risiken gezielt vermeiden) zu können und  in der Lage zu sein, aus Fehlern zu lernen, ist aber doch wohl ein nachvollziehbar gutes Mittel der Perspektivfindung, d.h.nach der Entwicklung (mit-)menschlicher Verhältnisse zu fragen. Nach Verhältnissen,  die es den Menschen und deren Institutionen erlauben, über Gewinne des Tuns (des Zusammentuns) und dafür womöglich in Kauf zu nehmende  Mühen, Risiken oder Schäden als (umwelt-)bewusst agierende Mitmenschen  zu entscheiden.  Und am Ende die Frage nach einem „Projekt Menschheit“ zu stellen, d.h.  nach der gezielten Herstellung einer als solche tatsächlich handlungsfähigen menschlichen Gemeinschaft.  (Die darum auch keine Zwangsvergemeinschaftung sein kann).

Gruß hhh

Über Entfremdung und deren Aufhebung siehe auch die PDF mit einem Text zur Frage: WOHIN MIT MARX PERSPEKTIVE DER ENTENTFREMDUNG?

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